Die Bibel ist nicht Gott – Das Buch der Bücher verstehen IV

Es sind, wie ich schon im letzten Beitrag geschrieben habe, oft die ungenierten Fragen, die einen zum Grübeln bringen. Eine solche Frage hat mir auch eine Schülerin einmal gestellt. Sie fand mich offensichtlich nach einigen Wochen Unterricht recht sympathisch und intelligent, und das obwohl mein Fach Religion war, das unlogischste, hinterwäldlerischste Fach überhaupt. Aus diesem scheinbaren Widerspruch entstanden spannende Gespräche, in die sich auch die weniger nachdenklichen Klassenkolleginnen einklinkten.

Einmal kam besagte Schülerin während der Stunde wieder an diesen Punkt, an dem sich in ihrem Kopf manches nicht mehr ausging. “Glauben Sie denn an die Bibel?”, fragte sie. Ich verneinte. Sie war erleichtert. Aber dann tat sich schon das nächste Problem auf: “Wie können Sie dann Religion unterrichten?”

Mit “an die Bibel glauben” meinte die Schülerin: Alles, was in der Bibel steht, für richtig halten und mit Überzeugung vertreten. Daran sind zwei Aspekte problematisch:

  1. Nur in theologischen Belangen liegt die Bibel immer richtig.
  2. Glauben kann ich im christlichen Sinn nur an jemanden, nicht an etwas.

Mit keinem der beiden Punkte begebe ich mich theologisch auf unsicheres Terrain, auch wenn sie selbst in den Ohren von KirchgängerInnen vielleicht ein wenig fragwürdig klingen.

1. Nur in theologischen Belangen liegt die Bibel immer richtig

Es gehört vielleicht zur Ironie der Geschichte, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) in seinen Texten oft weiter ist, als man es der Katholischen Kirche bis heute zutraut. Vielleicht kam es auch damals schon zu spät, vielleicht ist Papier einfach zu still und geduldig und die Handlungen diverser Kirchenvertreter sprechen eine deutlichere Sprache. Wie dem auch sei: Schon am Konzil brach sich die Einsicht Bahn, dass die Bibel manchmal irrte.

Diese Einsicht war keine Kleinigkeit. Seit 1700 hatte man sich sukzessiv selbst von der anbrechenden Moderne entfremdet und sich Ende des 19. Jh.s regelrecht gegen sie verschanzt. Die Aufklärung und damit die modernen Wissenschaften reklamierten immer mehr Deutungshoheit für immer mehr Bereiche, die früher in den Zuständigkeitsbereich der Religion gefallen waren. Auf diesen Machtverlust reagierte die Kirche in erster Linie defensiv bis aggressiv. Es dauerte lange – in mancher Hinsicht wahrscheinlich zu lange – bis man sich auf eine inhaltliche Auseinandersetzung einließ und eigene notwendige Klärungen durchführte.

Wie? Die Frage der Naturwissenschaften

Denn auch am ersten Höhepunkt dieses Klärungsprozesses, dem Zweiten Vatikanum, ging es nicht darum, das Eigene über Bord zu werfen oder klein beizugeben. Es ging um die überfällige Beantwortung der Frage: Inwiefern ist die Bibel wahr? Dass sie mit Blick auf Zusammenhänge, die mittlerweile naturwissenschaftlich erforscht wurden, oft nicht richtig lag, konnte niemand mehr ernsthaft leugnen: Ob Darwin oder Dinosaurierknochen – die Erdgeschichte dürfte wohl anders abgelaufen sein, als es das erste Kapitel der Genesis vermuten lässt. Die Hypothesen der Naturwissenschaft taugten ganz augenscheinlich zur Beantwortung der Frage, wie die Welt entstanden sei.

Warum? Die Sinnfrage

Was die Naturwissenschaften allerdings nicht berühren, sofern sie selbst redlich arbeiten, ist die Frage nach dem Warum. Die Sinnfrage lässt sich nicht mit ihren wissenschaftlichen Methoden beantworten. Sie gehört weiterhin in den Bereich der Religion. Warum gibt es die Welt? Das beantwortet Genesis 1: Weil jemand sie wollte, sie geschaffen und sie niemals verlassen hat. Alles ist einander so zugeordnet, dass Leben möglich ist: Wasser, Land, Pflanzen, Tiere, Menschen. Sie haben ihren Platz auf dieser Erde, und im Fall des Menschen: Verantwortung dafür, dass alles in Ordnung bleibt.

Genesis 1 drückt das mit den Mitteln aus, die Menschen zur Entstehungszeit des Textes an ihrem Lebensort zur Verfügung hatten. Im konkreten Fall ist das der Stand der babylonischen Wissenschaft einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung. Auch wenn wir heute vom Urknall sprechen und die Geschichte der Erde anders erzählen: Wer die Sinnfrage stellt, kann sie nach wie vor mit Genesis 1 beantworten.

Übrigens ist auch die babylonische Wissenschaft mit ihren anderen Methoden und Möglichkeiten zu erstaunlichen Einsichten gelangt. Die Abfolge in der Artenentstehung hat auch aus moderner Perspektive noch einiges für sich.

In welcher Hinsicht ist die Bibel laut dem Konzil also irrtumsfrei? In theologischer Hinsicht: Sie lehrt “getreu und ohne Irrtum die Wahrheit […], die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte” (Dei Verbum 11).

2. Glauben kann ich im christlichen Sinn nur an jemanden, nicht an etwas.

Ich glaube der Bibel, was die in ihr aufgezeichnete theologische Wahrheit angeht. Aber ich glaube nicht an sie. Das ist christlich gesprochen weder notwendig noch möglich. Hier lohnt sich ein Blick in das Lateinische, das verschiedene Arten des Glaubens unterscheidet:

  • putare: glauben, meinen, für wahr halten, nicht sicher wissen. “Ich glaube, es wird morgen regnen.”
  • credere: von “cor dare”, Herz geben. Jemandem vertrauen, sein Herz auf jemanden setzen.

Was wir im Credo, dem Glaubensbekenntnis, bekennen, ist unsere Beziehung zum lebendigen Gott. Insofern es in der Bibel um ihn geht, ist sie für mich wichtig und richtig. Auch als Katholikin kann (und muss) ich dabei mit beiden Beinen fest im 21. Jahrhundert stehen, wo sich das Verstehen der Welt in viele Disziplinen aufgefächert hat. Weder muss ich aus religiösen Gründen behaupten, die Welt sei in sieben Tagen entstanden, noch gehört es zur Zuständigkeit der Naturwissenschaft, alles für blinden Zufall zu halten. Die einen Fragen “wie?”, die anderen “warum?”. Beides ist wesentlich und hat seinen Ort.