Die Bibel als Mosaik – Das Buch der Bücher verstehen V

In meinem letzten Text standen die Fragen nach dem Wie und dem Warum so wunderbar getrennt nebeneinander: Hier die Naturwissenschaften, da die Theologie, alles konfliktfrei geregelt. Was dabei noch nicht zur Sprache gekommen ist: Auch die Bibel und der Glaube werden mittlerweile mit Methoden erforscht, die sich dem Geist der Aufklärung verdanken. Diese Methoden sind an sich atheistisch, d.h. Gott ist in ihnen kein Faktor wie ein Parameter in einer Gleichung. Was können solche Methoden also zur Klärung der theologischen Wahrheit eines Bibeltextes beitragen?

Stolpersteine werfen Fragen auf

Schon bei einer kursorischen Lektüre stolpern wir in den Texten laufend über Dinge, die uns zumindest heute nicht recht einleuchten. In Genesis 1 erschafft Gott alles, auch den Menschen. In Genesis 2 wird dessen Erschaffung dann noch einmal erzählt, ausführlicher, aber auch anders. In Genesis 4 tötet Kain seinen Bruder Abel. Der Mörder wird verbannt und findet eine Frau – aber wo kommt die plötzlich her, wo doch nur seine beiden Eltern erschaffen worden sind? In Genesis 7 soll Noah die Arche mit Tieren füllen: je sieben Paar von den reinen und sieben Paar von den unreinen. Aber woher soll er wissen, welche Tiere rein sind? Das wird doch erst in Levitikus 11 erklärt, also zwei Bücher später!

Wir sind in Kapitel 7 des ersten Buchs der Bibel und haben schon eine Reihe von Fragen im Gepäck. Es könnten durchaus mehr sein; meine Liste ist nicht erschöpfend. Wir können also festhalten: Wer sich einen geschmeidigen Roman aus der Hand eines Autors erwartet, aus dem eine Lektorin sorgsam alle Ungereimtheiten herausgebügelt hat, wird sich über die Bibel sehr wundern. Die Texte funktionieren so nicht und sie behaupten das selbst auch gar nicht. Es sind irrige Annahmen, die da an sie herangetragen werden.

Die historisch-kritische Methode

Um zutreffendere Annahmen zu finden und die Texte wirklich zu verstehen, kann die historisch-kritische Methode sehr nutzen. Die beiden namensgebenden Begriffe, “historisch” und “kritisch” sprechen den modernen Menschen an: Hier wird nachgedacht und hinterfragt, nicht einfach hingenommen und geglaubt! Tatsächlich liegt darin der große Charme der Methode: Ungereimtheiten, die mir beim Lesen auffallen, textliche Eigenheiten, über die ich stolpere – an jeder Stelle darf und soll und muss ich fragen: Was ist hier los? Wie kommt es dazu und was wollen die AutorInnen damit sagen?

Da wird zum Beispiel deutlich, dass sich der Schöpfungshymnus in Genesis 1 und die Erzählung über die Erschaffung des Menschen in Genesis 2f. unterschiedlichen Traditionen verdanken, die hier mit verschiedenen Pointen nebeneinanderstehen.

Auch wird klar, dass für das altorientalische Denken die Erschaffung von Adam und Eva in heutigen Worten symbolische Bedeutung hat. Der Punkt ist nicht, dass es nur 2 (wörtlich: zwei) Menschen gegeben hat, wodurch man sich die logischen Widersprüche einhandelt, die ich oben beschrieben habe. Der Punkt ist: Wir haben alle ein und denselben Ursprung. Als Menschheit gehören wir alle zusammen, vor Gott sind wir alle gleich. Die vielen Unterschiede durch Sprache und Volkszugehörigkeit ergeben sich erst mit der Zeit und gehören nicht zur paradiesischen Idee Gottes für seine Welt.

Die reinen und unreinen Tiere, mit denen sich Noah plötzlich konfrontiert sieht, verdanken sich priesterlichen Händen. Ihre ergänzenden und verbindenden Bemerkungen lassen sich in den fünf Büchern Mose immer wieder gut erkennen, beispielsweise am Interesse für kultische Kategorien wie Reinheit. Diese Bearbeitungsschicht ergänzt in einigen Texten kultische Aspekte und will so u.a. die vielen Einzelgeschichten miteinander verweben.

Das historisch-kritische Trümmerfeld

In der aktuellen Exegese sind die historisch-kritischen Methodenschritte Teil eines ganzen Methodenkoffers, auch wenn sie so etwas wie die Basis der gesamten bibelwissenschaftlichen Untersuchung sind. Zwischenzeitlich kam es jedoch zu einem historisch-kritischen Übereifer, der katholischerseits wohl auch daran lag, dass die Methoden erst ab Mitte des 20. Jh. mit kirchlicher Rückendeckung angewandt werden durften.

Teilweise hinterließ dieser Eifer ein textliches Trümmerfeld: Halbverse wurden Schichten und Redaktionen zugeordnet. War die Zergliederung perfekt, hatte die Exegese ihre Schuldigkeit getan – wer allerdings sollte mit dem Trümmerhaufen etwas anfangen? Die Vorgehensweise war für andere theologische Disziplinen schwer anschlussfähig und für die Pastoral und Pädagogik eigentlich indiskutabel. Denn was bei einer solchen Vorgehensweise fehlt, ist die konstruktive Auseinandersetzung mit der Frage, was die AutorInnen in ihrer Zeit eigentlich aussagen wollten.

Die AutorInnen wollten auf alle Fälle von Gott erzählen

Hier kommen wir an den theologisch brisanten Punkt: Die Methoden müssen nicht besonders fromm angewendet werden, um nützlich zu sein. Aber wenn sie sachgemäß mit der Bibel umgehen wollen, dass müssen sie ernst nehmen, dass Gott den AutorInnen der Bibel wichtig ist. Von Gott erzählen sie mit allem, was sie in ihrer Zeit und an ihrem Ort aufbieten können. Sie bezeugen Gottes Wirklichkeit Seite für Seite. Wenn wir verstehen wollen, mit welcher Wirklichkeit sie es zu tun hatten, dann müssen wir ihre Sprache sprechen, ihre Metaphern kennenlernen und die Welt begreifen, in der Gott ihnen begegnet ist.

…und der Trümmerhaufen? Ist ein Mosaik.

Aber was ist mit den hunderten Hypothesen? Mit den zergliederten Halbversen, den übereinander geschichteten Bearbeitungsstufen? In vielen Belangen gibt es einen breiten Konsens in der Bibelwissenschaft, z.B. was die priesterliche Bearbeitung vieler Texte angeht. Mir scheint es auch, als sei man wieder stärker dazu übergegangen, die Hypothesenvielfalt dort zu diskutieren, wo sie hingehört: auf Tagungen und in Zeitschriften, nicht in Religionsbüchern und im Sonntagsblatt.

Die innere Vielfalt der Bibel geht außerdem gar nicht wirklich auf die Kappe der Wissenschaft mit ihren Hypothesen: Wir müssen nur das Neue Testament aufschlagen, um sogleich vier Evangelien zu sehen, nicht nur eines. Wozu brauchen wir vier Jesusgeschichten? Hätte Markus, die älteste und kürzeste, nicht gereicht? Warum auch Johannes, dessen dunkelsinnige Worte manchmal so gar nicht zur Schlichtheit der anderen Evangelien passen?

Ich würde sagen: Weil der dem Klischee nach so grausame und hinterwäldlerische Alte Orient und die uns modernen Menschen gegenüber ach so rückständige Antike in diesen Belangen einen gesunden Sinn für Pluralismus hatte. Und zwar nicht aus Toleranz, sondern weil es den Menschen damals offenbar als sachgemäß erschien, viele, viele Stimmen von Gott erzählen zu lassen, die einander ergänzen und widersprechen und miteinander harmonisieren. Sie alle bilden einen viele Generationen umspannenden Chor, ein Parlament aller denkbaren Fraktionen. Und auf den Text gewendet, den sie uns hinterlassen haben: Ein Mosaik.

Das Mosaik, das ich vor Augen habe, besteht aus Scherben. Bunte Scherben, die von vielen Menschen gestaltet wurden, und die wiederum viele Menschen zu einem neuen Ganzen zusammengefügt haben. Man sieht den Kleister dazwischen, man erahnt die Vasen und Bäder, zu denen die einzelnen Stücke einmal gehört haben, aber erst zusammen sind sie ein neues Kunstwerk: Gottesrede, die entspricht.